„IT-Fachkräftemangel weiter ein Problem“
Interview mit Professor Dr. Armin Heinzl: Wie mittelständische Firmen aus Baden-Württemberg von verteilter Softwareentwicklung profitieren
Herr Prof. Heinzl, in Ihrem neuen Forschungsprojekt GlobaliSE sind Sie der weltweit verteilten Softwareentwicklung auf der Spur: Worum geht es dabei?
Im Projekt GlobaliSE möchten wir mit Unternehmen in Baden-Württemberg Techniken und Werkzeuge entwickeln, welche die Entwicklung von Unternehmenssoftware über Ländergrenzen hinweg erlauben. Derartige Praktiken waren bisher vornehmlich großen Unternehmen vorbehalten. Um die Marktstellung des hiesigen Softwaremittelstands zu behaupten, gibt es wenige Alternativen. Auf dem ersten Deutsch-Indischen-Softwarekonsortium habe ich vor zwei Jahren dargelegt, dass es aufgrund der demographischen Entwicklung hierzulande, dem anhaltenden Mangel an Arbeitskräften im IT-Bereich, den Lohnkostenunterschieden und dem hervorragend ausgebildeten IT-Spezialisten in Osteuropa und Fernost nicht mehr darum geht, ob „Nearshoring“ oder „Offshoring“ zweckmäßig sind oder nicht. Vielmehr geht es darum, in welcher Form, mit welchen Ländern und mit welchen Anbietern dies geboten erscheint.
Angenommen, ein mittelständisches Unternehmen arbeitet derzeit an einer neuen Software und entschließt sich, das Projekt mit Programmierern im nahen Ausland umzusetzen – beispielsweise weil die Kosten dort deutlich niedriger sind. Wo und wie komme ich als Unternehmen eigentlich an die richtigen Entwickler? Worauf muss ich achten?
Bereits über diesen Punkt könnte man lange reden. Als erstes sollte sich das hiesige Unternehmen im Klaren werden, welche Aufgaben ausgelagert werden. Diese sollten nach Möglichkeit keine Kernkompetenzen darstellen, gut beschreibbar sein und einen geringen Bezug zu spezifischen betrieblichen Prozessen aufweisen, damit der Dienstleister in der Lage ist, die Aufgaben zu erfüllen. Anderenfalls läuft man Gefahr, dass trotz Festpreisprojekten die Kosten zur Unterweisung und Steuerung des Dienstleisters ausufern. Wir bezeichnen diese als Zusatzkosten, die jenseits des Vertrags anfallen und schnell die Lohnkostenunterschiede kompensieren können. Ein weiterer wichtiger Parameter ist die Wahl einer geeigneten Eintrittsstrategie in den Beschaffungsmarkt. Diese kann z.B. neben Werkverträgen über Joint Ventures oder die Einrichtung von Tochtergesellschaften in den Beschaffungsmärkten erfolgen. Bei hoher Spezifität der in der Unternehmenssoftware abgebildeten Prozesse und Funktionen sehen wir auch im Softwaremittelstand immer häufiger die Gründung von Tochtergesellschaften in Osteuropa als mögliche Beschaffungsstrategie.
Unternehmen sind nach meiner Erfahrung gut beraten, wenn sie bei der erstmaligen Durchführung von Nearshoring- oder Offshoring-Projekten mit einem erfahrenen Berater arbeiten. Dieser kann bei der Standortfrage, der Wahl des Dienstleisters und des Rechtsrahmens wertvolle Dienste leisten oder die ersten Projekte aktiv begleiten. Eine ebenfalls interessante Option erscheint das Einbeziehen von Near- oder Offshoring-Unternehmen, deren (Projekt-) Management in Deutschland ansässig ist und an Auslandsstandorten signifikante Entwicklungskapazitäten aufgebaut haben.
Welche Folgen hat die Auslagerung von Teilen der Software-Entwicklung für die Arbeit in mittelständischen IT-Unternehmen?
Man muss erstens die länderübergreifende Arbeitsteilung organisieren, was oftmals mit einer stärkeren Formalisierung von Arbeitsschritten einhergeht. Zweitens muss gelernt werden, die Entwicklungsaktivitäten Dritter zu planen und zu koordinieren. Drittens müssen die interkulturellen Fähigkeiten der eigenen Mitarbeiter weiterentwickelt werden, da in den Beschaffungsmärkten unterschiedlich Kulturfaktoren zu berücksichtigen sind, die für den Erfolg oder Misserfolg der Projekte ausschlaggebend sein können.
Gefährdet die Auslagerung von Programmiertätigkeiten hierzulande Arbeitsplätze? Oder ist sie sogar eine Chance für die IT-Branche in Deutschland – weil Anwendungen jetzt so effizient hergestellt werden können wie andere industrielle Güter?
Durch die Globalisierung der Wirtschaft wird die Arbeit immer dort angesiedelt, wo sie, bezogen auf die Absatzmärkte - am effizientesten bzw. effektivsten ausgeführt werden kann. Das ist in der Softwarebranche nicht anders wie in der Automobilbranche. Insofern können Arbeitsplätze betroffen sein, insbesondere dann, wenn sich Unternehmen in einem starken Kostenwettbewerb befinden. Setzen Unternehmen umgekehrt auf eine Differenzierungs-strategie, in dem sie Lösungen für hochspezifische Geschäftsprozesse anbieten, die man anderweitig vergebens sucht, so wird das Near- bzw. Offshoring zu einem integralen Bestandteil einer Wachstumsstrategie und damit zu einer Chance. Unserer Erfahrung ist, dass erfolgreiche Unternehmen des hiesigen Softwaremittelstands gerade diesen Weg einschlagen.
Im Übrigen setzt das Entwickeln hochspezifischer Lösungen der Industrialisierung der Softwareentwicklung deutliche Grenzen. Hochspezifische Lösungen lassen sich nicht „linear“ nach einem Phasenmodell entwickeln, sondern erfordern eine intensive und dynamische Interaktion mit dem Kunden entlang agiler Entwicklungsmethoden. Insofern sind Unternehmen hierzulande gut beraten, weiterhin spezifische Lösungen zu entwickeln, da deren Imitierbarkeit durch Anbieter in Schwellenländer begrenzt ist.
Ist der IT-Fachkräftemangel trotz der derzeitigen Lage der Weltwirtschaft eigentlich weiterhin ein Problem? Die Metropolregion ist mit ihren Universitäten ja eigentlich gut aufgestellt...
Das Problem ist unverändert ernst. Trotz Krise und hervorragenden Hochschulbeziehungen eröffnen Unternehmen in der Region Tochtergesellschaften in Osteuropa, um an qualifizierte Fachkräfte zu kommen. Das ist sehr ernst zunehmen! Die Region ist aufgrund ihrer Kapazitäten sicherlich gut aufgestellt. Nur was nützen diese Kapazitäten, wenn die Anzahl der Studierenden in diesem Bereich zurückgeht? Die Affinität zu „harten“ Fächern mit Technikbezug geht bei jungen Menschen weiter zurück, was zu negativen Konsequenzen führt.
Die Metropolregion wäre meines Erachtens gut beraten, eine an junge Menschen (und deren Eltern) gerichtete Öffentlichkeitskampagne zu initiieren, die klar zum Ausdruck bringt, dass wir im Bereich der Unternehmenssoftware viele Zukunftschancen zu bieten haben und die Hochschulen der Region zusammen mit den Unternehmen hervorragende Ausbildungsoptionen anbieten. Eine entscheidende Rolle kommt dabei auch den Gymnasien zu, an denen die fachlichen Grundlagen für das anspruchsvolle Studium gelegt werden. Infolge von G8 sind leider gehaltvolle IT-Curricula oder Informatik-AGs in vielen Stundentafeln reduziert worden oder gar verschwunden. Ich wundere mich immer wieder, wie so etwas hierzulande passieren kann.
Welche Bedeutung wird die Softwareentwicklung für die Metropolregion Rhein-Neckar im Jahr 2019 haben?
Ich hoffe, dass die Bedeutung in 2019 der Bedeutung in 2009 nichts nachsteht. Zur Zeit werden mit etwas mehr als 3% der Beschäftigten in Baden-Württemberg 15% des Brutto-Inlandsprodukts erarbeitet. Um diese Position zu verbessern, müssen wir die o.g. Probleme bezüglich der Ausbildungsnachfrage junger Menschen schnell und nachhaltig ändern. Schaffen wir das nicht, droht den Unternehmenssoftwareanbietern eine ähnliche Entwicklung wie unseren ehemals erfolgreichen CAD-Softwareanbietern. Dies gilt es mit allen verfügbaren Mitteln zu vermeiden.



